Das lateinische Substantiv conductus, abgeleitet vom Verb ducere ›führen‹ und der Vorsilbe con- ›zusammen, gemeinsam‹, hat im nachantiken Latein die Bedeutung ›Geleit‹ (gemeinsames Ziehen von einem Ort zum anderen), die für das antike Latein nicht belegt ist (dort nur ›das Zusammenziehen [der Augenbrauen]‹). In der deutschen Rechtssprache finden sich noch bis in die Neuzeit Formulierungen wie „(jemandem) salvum conductum (freies bzw. sicheres Geleit) gewähren“. – Für die Bedeutung ›Geleit‹: Langenscheidt Großes Schulwörterbuch Lateinisch – Deutsch. Bearbeitet von der Langenscheidt-Redaktion auf der Grundlage des Menge-Güthling. Langenscheidt Verlag, Berlin usw. 2001, ISBN 3-468-07204-X, S.256: „(mittellateinisch) Geleit, Eingangslied“. – Jacques Handschin:Conductus. In: Friedrich Blume (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG). Erste Ausgabe, Band 2 (Boccherini – Da Ponte). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 1952, DNB550439609, Sp.1615–1626. – Carl Dahlhaus, Hans Heinrich Eggebrecht (Hrsg.):Brockhaus-Riemann-Musiklexikon in zwei Bänden. Band1. F.A. Brockhaus und B. Schott’s Söhne, Wiesbaden bzw. Mainz 1978, ISBN 3-7653-0303-8, S.269–270: „Die Bezeichnung Conductus ist seit dem frühen 12. Jahrhundert nachgewiesen und bezieht sich ursprünglich wohl auf die ›Geleit‹-Funktion von zunächst einstimmigen Gesängen, die während der Liturgie einen Zug (meist den Gang des Geistlichen zum Lesepult) begleiten.“ – Rudolf Flotzinger:Conductus. In: Marc Honegger, Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik in acht Bänden. Band2. Verlag Herder, Freiburg/Basel/Wien 1979, ISBN 3-451-18052-9, S.196–197: „Die seit dem frühen 12. Jahrhundert nachgewiesene Bezeichnung dürfte, entgegen verschiedenen Deutungen durch Theoretiker des 13. Jahrhunderts, daraus herzuleiten sein, daß der Conductus im 12. Jahrhundert ein ›Geleit-Gesang‹ war (für den Auftritt des Lektors im römischen Gottesdienst, bei Prozessionen oder anderen liturgischen Handlungen, auch in geistlichen Spielen beim Auftritt bestimmter Personen).“